4. Die Erkerwand auf der Westseite des Sonnentemples.
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Sorgfältig, fast schnurgerade ausgerichtet, stehen in sehr regelmäßigen Abständen im Westen des Sonnentempels 10 große Pfeiler, welche die Erkerwand der III. Periode bilden (Vgl. auch Bild 2).
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Figur 8. Lage und Orientierung der 10 Pfeiler der Erkerwand im Westen des Sonnentempels.
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Die Figur 8 zeigt die Lage dieser Steine und ihre Orientierung zum Beobachtungsstein B. Der Pfeiler 9 liegt am Boden, er sollte noch errichtet werden oder ist später umgestürzt worden. Zwischen dem gewaltigen Mittelpfeiler 5 und Pfeiler 4 fehlt ein Block; entweder hatte man ihn noch nicht fertiggestellt, oder er ist, wie so Vieles, später zum Bau von Kirchen, Brücken usw. verschleppt worden. Die Erkerwand ist, wie man aus Mauerresten erkennt, auf der Südseite über den Pfeiler 1 hinaus noch fortgesetzt worden. Die Ecken E1 und E2 lassen sich durch Projektion noch recht genau festlegen. (E2 ist der Eckpunkt der vorspringenden Wand mit der Westwand der II. Periode). Es scheint mir wahrscheinlich, daß man in E1 einen Pfeiler errichtet hat oder errichten wollte. Da die in Figur 8 gegebenen Abstände von Mitte zu Mitte der Pfeiler rechnen, stimmt auch die gemessene Distanz von 5.14 m zwischen Pfeiler 1 und E1 in die Regelmäßigkeit der Pfeilerabstände, wenn man nur annimmt, daß dieser Eckpfeiler E1 60 bis 70 cm Breite hatte. Die Breitendimensionen der 10 Pfeiler schwanken etwa zwischen 40 und 200 cm.
Man hätte meinen können, daß aus Symmetriegründen auch über den Pfeiler 10 hinaus nach Norden ein weiterer Ausbau vorhanden war. Ausgrabungen, die ich zur Entdeckung von alten Fundamenten hier vornahm, führten zu keinem Resultat.
Für einen Beobachter in der Mitte des Beobachtungssteines B bietet daher der Aufbau der Pfeilerreihe einen durchaus unsymmetrischen Anblick. Merkwürdig ist dabei, daß die Amplitude des Winkel zwischen Pfeiler E1 und 10, gemessen vom Beobachtungsstein B aus,
49° 18" ( I )
beträgt, ein Wert, der fast genau mit dem für das Kalasasaya der II. Periode gefundenen von 49° 22.8' übereinstimmt vgl. (S. 131). Da von B aus die Richtung nach Westen hart an der Nordkante des großen Mittelpfeilers vorbeiweist, und demnach E1 und Pfeiler 10 ganz unsymmetrisch zu dieser Richtung liegen, kann der Beobachtungsstein nicht etwa der Ort für Beobachtungen des Sonnenunterganges gewesen sein. Dagegen ist es sehr plausibel, daß man von B aus Mondbeobachtungen anstellte, und das ist folgendermaßen zu erklären:
Die Mondbahn ist um 5° 8.2' gegen die Erdbahn (Ekliptik) geneigt, so daß also die Neigung der Mondbahn gegen den Erdäquator zwischen den Grenzen (eps) (Schiefe der Ekliptik) ± 5° 8.2' schwanken kann. (11*) Um die Jetztzeit [(eps) (1930) = 23° 27'] sind diese Grenzen:
a) 28° 35'
b) 18° 19'
Der Zyklus, in dem sich diese Variation der Mondbahnneigung gegen den Erdäquator, vom größten Neigungswert a) über den kleinsten b) bis wieder zum größten a), abspielt, beträgt 18 Jahre. Jnnerhalb von 9 Jahren verschiebt sich also der extreme Auf- oder Untergangsort des Mondes um beträchtliche Weiten am Horizont (mehr als 10°).
Den alten Beobachtern in Tihuanacu sind natürlich die Maximal- und Minimalamplituden der Monduntergänge nicht unbekannt geblieben, und es ist denkbar, daß man den untergehenden Mond bei der größten Bahnneigung a) über der Ecke E1 beobachtete, im Norden aber durch den Pfeiler 10 die Untergangsrichtung bei der kleinsten Bahnneigung b) markiert war. Unter Berücksichtigung der Horizonterhöhung und der Refraktion sind vom Beobachtungsstein B aus die Azimute des heute (1930) untergehenden Mondes:
a) Richtung über E1
(größte Bahnneigung) |
= |
29° 11' ( II ) |
b) Richtung über Pfeiler 10
(kleinste Bahnneigung) |
= |
19° 14' ( III ) |
Die Amplitude für die beiden betrachteten Momente, also Winkel ( II ) + ( III ), wird gleich:
48° 25' ( IV )
Im Sinne einer Altersbestimmung wäre dieser Wert mit der gemessenen Amplitude
( I ) von 49° 18' ( I )
zu vergleichen: Die Werte ( I ) - ( IV ) ergeben eine Differenz von 53', deren Hälfte 26.5' beträgt. Die Größe der Neigung der Ekliptik würde sich damit aus der Erkerwand ergeben zu
(eps) (III. Periode) = 23° 53'
Die Epoche würde also im ersten bis zweiten Jahrtausend v. Chr. liegen. Hervorzuheben ist aber, daß jedenfalls von der Mitte des Beobachtungssteines aus die Mondazimute ( II ) und ( III ) nur in grober Annäherung mit den wirklich vorhandenen (gemessenen) übereinstimmen (vgl. Fig. 8). Ich betone ausdrücklich, daß bei Annahme unserer Hypothese der oben durchgeführten Altersbestimmung daher nur wenig Gewicht zukommt.
Das Wesentliche, was uns obige Betrachtung lehrt, ist, daß im Gegensatz zu den Resultaten für den eigentlichen Sonnentempel (II. Periode), hier, für die weit besser erhaltene Erkerwand (III. Periode), sich ein Wert für die Schiefe der Ekliptik ergibt, der größer ist als der gegenwärtige, woraus also ein jüngeres Alter für diese Bauperiode resultiert.
Die merkwürdige Asymmetrie der vorspringenden Wand im Westen zum eigentlichen Tempelbau findet durch die vorstehende Betrachtung eine gute Erklärung. Die nicht so genaue Übereinstimmung von Rechnung und Beobachtung mag durch die Schwierigkeit der Beobachtungen des Mondes in seinen verschiedenen Phasen und auch durch die kurzperiodische Variation der Neigung bedingt sein. Als ganz besonders erschwerend kommt noch der Umstand hinzu, daß der Mond seine extremen Untergangspunkte nur in Intervallen von 18 Jahren erreicht.
Die Erkerwand der III. Periode zeigt eine Meridianabweichung von 0.7°, sie verläuft ebenso wie die Seiten des Haupttempels, östlich des Meridians, wenn der Beobachter nach Süden blickt.
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(11*) Diese Neigung der Mondbahn ist geringfügigen kurzperiodischen Schwankungen innerhalb der Grenzen 4° 59' bis 5° 18', aber keinen säkularen Veränderungen unterworfen.
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