3. Die astronomische Altersbestimmung.
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Die Neigung der Erdbahn (Ekliptik) gegen den Erdäquator (Schiefstellung der Ekliptik), ist gewissen Schwankungen unterworfen, über deren Größenordnung wir jedenfalls für die letzte Vergangenheit unterrichtet sind. Mit dieser Variation der Ekliptikschiefe ändert sich natürlich auch die Größe der Sonnenamplitude in den Solstitien. Es ist also durch Vergleich der in dem Tempel gegebenen und der heutigen Amplitude der Sonnenaufgangspunkte zwischen den Solstitien ein Weg gegeben, das Alter des Gebäudes abzuleiten.
Wie bereits erwähnt, hat Posnansky in vielen Arbeiten sich mit dieser Frage beschäftigt. Im Jahre 1926 erschien ein größeres Werk von Imbelloni "La Esfinge Indiana" (Die Indianer-Sphinx) [5], in dem der Verfasser auch Stellung nimmt zur astronomischen Altersbestimmung Kalasasayas. Imbelloni übt scharfe Kritik an den Ansichten Posnanskys und kommt zu dem Schluß, daß nicht nur dessen ganze Rechnungen unsinnig und unhaltbar wären, sondern daß wohl überhaupt eine Altersbestimmung auf astronomischer Basis unmöglich sei. Gewiß ist an den frühesten Arbeiten Posnanskys (1912) manche Kritik berechtigt und Imbelloni zeigt mit Recht, daß auf solcher Grundlage einer astronomischen Altersbestimmung keine Berechtigung zukommt. Posnansky hat hier, ich möchte sagen, erste Arbeitshypothesen gegeben, die in seinen späteren Veröffentlichungen aus dem Jahre 1924 (siehe Literaturübersicht) modifiziert und berichtigt wurden. Diese Arbeiten Posnanskys übergeht Imbelloni in seiner "Esfinge Indiana".
Wenn man schon diese astronomischen Fragen und Probleme, die Imbelloni auffallend oft elementar, einfach und bekannt nennt, diskutiert, dann soll man sie vorerst einmal gründlich studieren. Manche Mißverständnisse und falsche Vorstellungen z. B. über das Vorrücken der Aequinoktialpunkte und die Variation der Schiefe der Ekliptik wären dem Autor dann nicht unterlaufen. Wenn man, wie es Imbelloni tut, Fragen, die das Wesentliche nicht treffen, an eine astronomische Autorität stellt, so ist deren richtige Beantwortung keineswegs beweisend ! Wie wenig zutreffend Imbellonis Ausführungen sind, geht aus folgendem hervor: Er errechnet das Winkelmaß, das aus dem Seitenverhältnis der Tempelseiten folgt (Winkel (a) Fig. 2). Hierbei setzt er die längere Seite nicht gleich 129 m, sondern gleich 135 m, das ist also das Maß der längeren Tempelseite einschließlich des Erkervorsprunges der Westwand der III. Periode; der so erhaltene Winkelwert, der natürlich kleiner ausfällt, wird dann von Imbelloni mit der heutigen Schiefe der Ekliptik verglichen und es wird bei dieser Überlegung dann noch vergessen, den Polhöheneinfluß zu berücksichtigen, der um 2.2° beträgt !
Eine solche Kritik an den ersten Versuchen Posnanskys, bei denen noch die nötigen Beobachtungsdaten fehlten und die Problemstellung noch nicht gründlich durchdacht war, ist an sich natürlich völlig belanglos, da aber meines Wissens diese Arbeit Imbellonis die einzige ist, die sich neben Posnanskys Veröffentlichungen mit dem Fragenkomplex der Altersbestimmung beschäftigt, sollte sie hier nicht unerwähnt bleiben.
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Figur 6.
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Wie schon eingehend erörtert, ist die Schiefe der Ekliptik nicht konstant, sondern sie ändert sich zur Zeit um einen jährlichen Betrag von etwa 0.5" (Bogensekunden). Die neuesten Untersuchungen zeigen, daß sich die Änderung der Schiefe der Ekliptik am besten durch folgende Formel darstellen läßt:
(eps) = 23° 27' 8.26" — 468.44" (t) — 0.60" (t 2)+ 1.83" (t 3) (8*)
(Formel der internationalen Ephemeridenkonferenz in Paris 1911). Es ist (t) in Tausenden von Jahren gerechnet, (t) = 0 im Jahre 1930 n. Chr.
Wenn man mit dieser Formel die Schiefstellung der Ekliptik für die vergangenen Jahrtausende berechnet, so kann man die erhaltenen Werte in einer Kurve darstellen wie sie Figur 6 zeigt (ausgezogene Kurve). Danach hat mit einem Wert (eps) = 24° 15' um 7000 vor Chr. die Schiefe der Ekliptik ihren größten Wert erreicht. Es ist interessant, einmal die geschichtlich einigermaßen verbürgten Daten früherer Bestimmungen der Ekliptikschiefe (eps) zu betrachten, die ich aus dem Handbuch der Astronomie von R. Wolf entnahm. [6] Die Schiefe der Ekliptik war danach:
| Autor |
Ort |
Zeit |
(eps) |
| Tschou-Kung |
China |
um 2100 v. Chr. |
23° 54.0' |
| Eratostenes |
Alexandrien |
um 220 v. Chr. |
23° 45.1' |
| Albategnius |
Damaskus |
879 n. Chr. |
23° 35.7' |
| Ulugbegh |
Samarkand |
1437 n. Chr. |
23° 31.8' |
| Bradley |
Greenwich |
1750 n. Chr. |
23° 28.3' |
Diese Werte sind in dem gegebenen Diagramm Figur 6 eingezeichnet (o); man sieht, daß die Abweichungen gegen die Kurve nicht unbeträchtlich sind. Man muß aber auch bedenken, daß besonders die ältesten Überlieferungen und Wertangaben für die Schiefe der Ekliptik als recht unsicher zu werten sind. Die dargestellte Variationskurve hat also strenge Gültigkeit nur für ein zeitlich kleines Intervall, als Extrapolationskurve für große Zeiträume kommt ihr nur bedingt Geltung zu.
Ändert man in der Variationsformel den Faktor von (t 3) in 4.2 um, so verläuft die so errechnete Kurve (gestrichelt) durch das älteste chinesiche Datum. (9*)
Vergleicht man die in dem Tempel enthaltene Amplitude (s. S. 128) von
49° 23'
mit dem für 1930 gültigen Werte von
49° 59'
so ergibt sich eine Differenz von 36', deren Hälfte 18' beträgt. Die mittlere Schiefe der Ekliptik ist
(eps) (1930) = 23° 27',
so daß wir für die Zeit der Erbauung von Kajasasaya einen Wert von
(eps) (Tih.) = 23° 9'
anzunehmen hätten.
Wir wollen zunächst rein formell den Gedankengang der Altersbestimmung weiterverfolgen, haben also den Schnittpunkt der beiden Kurven mit dem Wert (eps) (Tih.) = 23° 9' aufzusuchen; es ergeben sich dann für das Alter von Kalasasaya die beiden Werte:
Aus Kurve 1: Rund 15000 v. Chr.
Aus Kurve 2: Rund 9500 v. Chr.
Diese Zahlenangaben haben, wie ich nochmals betonen möchte, nur formelle rechnerische Bedeutung, ich möchte aber ganz allgemein die Aufmerksamkeit auf folgende Tatsachen lenken:
| 1. |
Unsere Arbeitshypothese ergibt, daß um die Zeit der Entstehung des Tempels Kalasasaya die Schiefe der Ekliptik kleiner war als die heutige. Der Unterschied beträgt rund 20'.
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| 2. |
Die Schiefe der Ekliptik, deren Wert heute (1930) 23° 27' beträgt hat in historischer Vergangenheit größere Werte gehabt. Sicher verbürgt können wir aussagen, daß um 2000 - 3000 v. Chr. die Schiefe der Ekliptik eine Winkelgröße zwischen 23° 50' bis 24° 0' hatte. Mit den Werten (eps) zwischen 24° 0' und 24° 3' wird der Winkel zwischen der Ebene der Erdbahn und dem Erdäquator seinen größten Wert erreicht haben und in praehistorischer Vergangenheit kleiner gewesen sein.
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Wenn man die sehr wenig wahrscheinliche Annahme macht, daß etwa vor 4000 v. Chr. die Schiefe der Ekliptik aus irgendwelchen unerklärlichen Gründen rapide zunahm, d. h. also die Kurve damals viel steiler anstieg als in unserer Figur angegeben, so wird der Schnittpunkt einer solchen sehr hypothetischen Kurve mit dem (eps) (Tih.) = 23° 9' immerhin als untere Grenze für Kalasasaya einen Wert zwischen 5000 - 6000 v. Chr. geben.
Bevor ich im folgenden Abschnitt noch weitere Bedenken kritisch diskutiere, möchte ich zusammenfassend das Ergebnis folgendermaßen formulieren:
"Die heutigen Kenntnisse über die Änderung der Schiefe der Ekliptik, die extrapolatorisch auf einen großen Zeitraum angewandt werden, geben unter gewissen eingehend diskutierten Arbeitshypothesen für den Sonnentempel ein ungeheures Alter."
"Es muß angenommen werden, daß die Epoche von Kalasasaya spätestens um 6000 vor Christi Geburt liegt, ein noch größeres Alter ist wahrscheinlicher."
Ein Einwand, welcher sich gegen die Altersbestimmung erheben läßt, ist der, daß der Beobachter nicht genau in der Westwand selbst seinen Beobachtungsplatz gehabt zu haben braucht. Wir führen damit natürlich eine gewisse Willkür ein, denn die Erbauer hätten dann nicht mehr die Umgrenzung des Tempels dem Sonnenlauf angepaßt.
Die Frage ist insofern von Bedeutung, als etwa 5 m von der Mitte der Westwand der II. Periode entfernt ein größerer Steinblock liegt, der in Bild 6 wiedergegeben ist. Die Lage des Steines, dessen Dimensionen 2.75 x 2.05 m betragen, ist aus dem im Anhang gegebenen Plan ersichtlich. Die Entfernung von der Mitte des Steines zur Westwand der II. Periode beträgt 5.4 m. Es muß in Erwägung gezogen werden, ob nicht dieser Stein ehemals die Beobachtungsplattform für die Sonnenbeobachtungen war. Es ist möglich, daß der Block, der durch Ausgrabungen freigelegt wurde, verschoben worden ist, jedoch kann es sich wohl nur um geringfügige Beträge handeln.
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Bild 6. Der Steinblock
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Steht der Beobachter nicht in der Westwand, sondern innerhalb des Tempels, so wird der Winkel (a), dessen Wert für die Altersbestimmung maßgebend ist, größer (Figur 7).
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Figur 7. Der Winkel (a) wird größer, wenn ein Beobachter innerhalb des Tempels steht.
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Jedem Wert (a) ist nach den vorangehenden Ausführungen ein Wert (eps) (Schiefe der Ekliptik) zugeordnet. In der folgenden Übersicht sind nun für drei verschiedene Beobachtungspunkte die Werte von (a), (eps) und das aus der Variationsformel der Schiefstellung folgende Alter zusammengestellt:
| Beobachter |
(a) |
(eps) |
Alter um |
| 1. In der Westwand |
49° 23' |
23° 9' |
15000 v. Chr. |
| 2. Innerhalb des Tempels, Entfernung a = 1.8 m |
49° 59' |
23° 27' |
1930 n. Chr. |
| 3. Innerhalb des Tempels, Entfernung a = 5.4 m (Steinblock) |
51° 16' |
24° 6' |
4000 und 10000 v.Chr. |
Wir sehen, daß für 1. (eps) kleiner und für 3. (eps) größer ist als zur Jetztzeit 2., mit (eps) = 24° 6' ergeben sich zwei Schnittpunkte mit der Variationskurve (2 Zeiten). Die in der Größenordnung naheliegenden hohen Alterswerte von 15000 resp. 10000 dürfen natürlich nicht beweisend in Zusammenhang gebracht werden; jede der beiden entsprechenden Hypothesen schließt unbedingt die andere aus.
Ich selbst glaube nicht, daß der Steinblock der Beobachtungsplatz war, und ich meine, daß die im vorangehenden Abschnitt dargelegte Erklärung und Deutung der Meßdaten recht sehr für die erste Hypothese spricht.
Es sei hier erwähnt, daß Posnansky (l. c.) auf Grund seiner geologischen und paläontologischen Studien glaubt, ein sehr hohes Alter für die Erbauung des Sonnentempels annehmen zu müssen. Uhle tritt den Ansichten Posnanskys keineswegs bei. [7]
Mauerreste innerhalb Kalasasayas lassen erkennen, daß man hier terassenförmig absteigend ein "Sanktissimum" schuf. Für dieses Sanktissimum ist vermutlich der schon in der Einleitung erwähnte zweifach geteilte Block (wohl zu unterscheiden von dem früher besprochenen Beobachtungspunkt), den ich im Folgenden "Beobachtungsstein" nennen möchte, von Bedeutung gewesen. Er liegt an der höchsten Stelle des Tempels, etwas außerhalb der Mitte, seine Südkante liegt in der Mittellinie des Gebäudes; es ist denkbar, daß nach Süden noch eine Fortsetzung des Steines gelegt werden sollte oder auch vorhanden war. (10*)
Die NO-Ecke des Sanktissimum wird durch einen großen Eckpfeiler gebildet, der heute das einzige noch erhaltene Monument dieses Baues ist. (Bild 7.) Vom Beobachtungsstein sollte sicher auch dieser Eckpfeiler ein bedeutsamer Punkt für Sonnenbeobachtungen darstellen. Dieser Eckpunkt hat von der Mitte des Beobachtungssteines aus ein Azimut von:
24° 38' ( a )
nördlich der Ostrichtung. Die Höhe des Horizontes ist hier 1.6°, das ergibt für die im Junisolstitium 1930 aufgehende Sonne (Mittelpunkt) ein Azimut von:
24° 59.3' ( b )
nördlich der Ostrichtung. Der heutige Wert der Schiefstellung der Ekliptik (eps) (1930) ist:
23° 27.0' ( c )
Der Einfluß der Polhöhe, der Refraktion und der Horizonterhöhung auf dieses Rechendatum ist also gleich der Differenz (D) = ( b ) — ( c ).
(D) = 1° 32'
Ziehen wir diese Differenz (D) von ( a ) ab, so erhalten wir für das (eps) (Sanktissimum) den Wert:
(eps) (S) = 23° 6'
Dieser Wert stimmt fast genau mit dem früher gefundenen überein (23° 9') und gibt also auch für das Alter den so beträchtlich hohen Wert.
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(8*) Diese Formel gibt die mittlere Schiefe der Ekliptik. Die wahre Schiefe der Ekliptik berücksichtigt noch den Nutationsbetrag, dessen Größe von der Länge des aufsteigenden Mondknotens und der Sonnenlänge abhängt. Es ergeben sich daraus kurzperiodische Schwankungen, deren Wert heute nicht größer als = 0.2' wird und für die folgenden Überlegungen daher nicht in Betracht kommt.
(9*) Diese Änderung des kubischen Faktors von (t) ist natürlich sehr willkürlich, und die neue Kurve erhält, wegen der Unzulänglichkeit der Überlieferung, durch das chinesische Datum keineswegs feste Stütze.
(10*) Es ist kaum glaublich, wieviel kostbares bearbeitetes Steinmaterial zur Zeit und nach der Zeit der Konquista von den spanischen Eroberern zum Bau von Kirchen und Dörfern entwendet wurde. Auch die heutige Kultur hat diesem Rauben keinen Einhalt geboten, rollt doch die neueste Errungenschaft unserer Kultur, die Eisenbahn La Paz - Guaqui durch Bahnhöfe, über Brücken und Bahnübergänge, die fast ausschließlich aus Steinen und Monolithen Tihuanacus gebaut wurden.
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