1. Beschreibung der Ruinen von Tihuanacu.
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Tihuanacu liegt in einem breiten Tal, etwa 70 km von der Landeshauptstadt La Paz entfernt. Die wichtigsten Ruinen sind auf dem beigefügten Orientierungsplan eingezeichnet.
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Orientierungsplan von Ruinenfeld von Tihuanacu.
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Ein in die Erde eingelassenes Gebäude von etwa 30 x 26 m Ausdehnung ist mit A bezeichnet. Es ist eins der ältesten Bauwerke der Tihuanacukultur, das im Vergleich zu den späteren Kulturen eine weit primitivere Bautechnik zeigt. Posnansky schreibt die Reste dieser Kultur einer "I. Periode" zu. Eine eingehende Beschreibung der Bautechnik dieses und der späteren Gebäude und der aus den verschiedenen Bauperioden herrührenden Skulpturen gibt Posnansky in der im Verlag von Reimer (Ernst Vohsen) erschienenen Monographie [3].
Anschließend an A, im Westen, liegt der große Sonnentempel Kalasasaya (Orientierungsplan B), dessen Steinumzäunungen einen Flächenraum von mehr als 15000 Quadratmeter einschließen. Die Umfriedigung des Tempels bilden riesige, zum Teil sehr sorgfältig behauene Steinpfeiler, die in der West- und Ostwand aus harter andesitischer Lava, in der Nord- und Südwand aus rotem Sandsteinmaterial bestehen. Wahrscheinlich bestanden ehemals zwischen den großen Steinmonolithen Verbindungsmauern aus fein behauenen Steinen; im Laufe der Jahrhunderte ist dieses "fertige Baumaterial" verschwunden, so daß heute Kalasasaya den Anblick eines Stonehenge bietet. Ein Rundgang durch den heutigen Ort Tihuanacu zeigt, welche Fülle von Baumaterial das Ruinenfeld hergeben mußte; Höfe und Straßen sind mit Tihuanacusteinen gepflastert, fast alle Häuser und vor allen Dingen die große Kirche, mit ihren meterdicken Wänden, entstanden unter Verwendung alter Bausteine.
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Bild 1. Südliche Pfeilerreihe von Kalasasaya.
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Der Tempel Kalasasaya gehört einer weit fortgeschrittenen Kulturperiode (II. Periode) an. Die Architektur und die Technik der Steinbearbeitung weisen auf eine gegenüber der I. Periode höhere Entwicklung hin. Bild 1 zeigt die südliche Pfeilerreihe des Tempels. Die Ausmaße des Gebäudes sind 118 x 129 m; auf der Westseite befindet sich, um mehr als 6 m nach außen gerückt, eine aus 10 Pfeilern bestehende Wand, so daß hier eine Art von Erker entstanden ist. Diese ausspringende Wand gehört wieder einer späteren Kultur an (III. Periode) . Ihre aus andesitischer Lava bestehenden gewaltigen Pfeiler zeigen keineswegs derartige Verwitterungen wie die Steine gleichen Materials in den anderen Umfassungsmauern. Die Abbildungen 2 und 3 zeigen den grossen Unterschied der Verwitterung. Die sorgfältige Verarbeitung des Steinmaterials deutet auf weiteren Fortschritt. Eine gewaltige Freitreppe führt auf der Ostseite zum Tempel hinan. Die wuchtige Plattform, mit der letzten Stufe aus einem Stück gehauen, läßt heute noch erkennen, daß sie als Träger vielleicht einer torartigen Konstruktion dienen sollte. (Bild 4). Fast in der Mitte des Tempels (nach Westen verschoben) liegt ein in zwei Hälften gespaltener Block, auf dessen Bedeutung bei den folgenden Untersuchungen noch hingewiesen werden soll. In der NW-Ecke des Tempels steht das berühmte Sonnentor (Bild 5), dessen Relieffiguren Zeugnis von der hohen Entwicklung der Steinbearbeitung ablegen. Das Tor, ungefähr 3,5 m lang, 3 m hoch, 0,5 m dick, ist aus einem Stück gearbeitet (Material: harter Andesit).
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Bild 2. Vorspringende Erkerwand.

Bild 3. Andesitpfeiler in der Ostwand des Tempels.

Bild 4. Die Freitreppe.

Bild 5. Das Sonnentor.
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Aus den Befunden der Steinmauern und vor allen Dingen aus dem großen Unterschied der Verwitterung muß man, wie ich schon erwähnte, für Kalasasaya zwangsläufig auf zwei Zeitepochen schließen (II. und III. Periode), die zeitlich sehr wesentlich differieren. (Die unterirdische Konstruktion des Gebäudes A, das Posnansky als der I. Periode angehörig bezeichnet, soll außerhalb der Betrachtung bleiben.) Ehe nicht systematische, gründliche Ausgrabungen in den Ruinen ausgeführt sind, muß meiner Meinung nach die Frage offen bleiben, welcher Periode die gefundenen Skulpturen, Idole und vor allen Dingen die so hoch entwickelten Keramiken zuzuschreiben sind. Ich neige zu der Ansicht, daß die Glanzperiode Tihuanacus und auch die Entstehung des Sonnentores mit der Zeit der Errichtung der Erkerwand, also mit der III. Periode zusammenfällt. Allen Anzeichen nach lag das Sonnentor lange Zeiten hindurch mit der Reliefseite im Boden, so daß es der Zersetzungsarbeit der Zeit und der Zerstörungswut der eindringenden Eroberer wenig preisgegeben war. Aber auch die Rückseite, die Seitenflächen und die Kanten des Tores zeigen im Vergleich zu den Andesitpfeilern des eigentlichen Tempels der II. Periode kaum Spuren der Verwitterung, so daß obige Ansicht über das Alter des Tores eine wesentliche Stütze erhält.
Westlich von Kalasasaya, im Übersichtsplan mit C bezeichnet, findet man Mauerreste eines größeren Gebäudes. Die Grundpfeiler aus hartem Andesit, die nur etwa 0.5 - 1.0 m aus der Erde ragen, sind sehr sorgfältig behauen und poliert. Die schnurgerade Ausrichtung der Pfeiler in den Umgrenzungswänden, deren Seitenlängen 40 x 49 m sind, ist erstaunlich.
Eine besondere Anlage ist der künstliche Berg Akapana (Plan D), der durch gewaltige Mauern befestigt und gestützt ist.
Nicht ganz einen Kilometer südwestlich von den eigentlichen Ruinen Tihuanacus befinden sich die Reste der Stätte Puma Puncu.
Es sei hier nochmals auf die eingehende Beschreibung der Ruinen in Posnanskys Monographie [3] hingewiesen.
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